Die letzten Kriegsjahre in Bad Bentheim

Interview mit Herrn D.S. (geb. 1924) und seiner Frau G.S.

Wie alt waren Sie als der Krieg ausbrach?
Er brach am 1.September 39 aus. Da war ich 15 Jahre.
Waren sie noch Schüler – oder schon in einer Ausbildung?

Ne, da war ich noch Schüler.
Und Sie?
Da war ich im Pflichtjahr.

Waren Sie während des Krieges Soldat? Ja!

Wie sah Bentheim zu dieser Zeit aus? Und wie am Ende des Krieges? Wie sah die Schule aus? Bentheim hat sich im Kriege eigentlich überhaupt nicht verändert. Kriegsschäden haben wir in Bentheim so gut wie überhaupt nicht gehabt. Nur im Westen etwas, aber das war nicht allzu viel. Und, also, das Verwaltungsgebäude der Bentheimer Eisenbahn war zum Teil weg, weil Bomben gefallen waren. Aber sonst war hier in Bentheim nicht viel passiert. Und Bauer Lütter war ausgebrannt und der Bauer Vogelsang. Das war beim Einmarsch der englischen Truppen. Und die Schulen waren alle in Ordnung, da war nicht viel passiert. Nur in der Mittelschule, heute ist das die Grund- und Hauptschule, da war ein Lazarett drin. Da waren verwundete Soldaten untergebracht. Aber kaputt war die nicht, die war beschlagnahmt für verwundete Soldaten.

Und wurden die Geschäfte zerstört? Nein, nein, nein.

Wurde in den Geschäften denn auch normal verkauft? Also, im Kriege wurde da nicht mehr normal verkauft, weil es ja nichts mehr gab. Lebensmittelkarten gab es ja. Weil es gab ja sonst nichts mehr. Man konnte nicht das kaufen, was man gerne haben wollte. Man musste das kaufen, was gerade da war. Es war beschränkt – und man konnte nur auf Bezugsschein kaufen. Wenn man was haben wollte und brauchte, dann kriegte man vom Rathaus einen Bezugsschein. Oder auch eine Kleiderkarte. Und dann konnte man das kaufen.

Und Gebäude- wurden da noch welche außer den Bauernhöfen zerstört? Ja, vom Westen her, in der Gildehauser Straße. Das Haus Ewen ist ausgebrannt und Malermeister Kock – wo Hofstiege und Gildehauser Straße sich treffen. Und in der Wilhelmstraße oder Pastuninkstiege sind die ersten beiden Häuser ausgebrannt. Im Westen Bentheims sind einige Häuser ausgebrannt.

Welche Soldaten waren denn hier in Bentheim, also aus welchem Land? Hier sind die Engländer vom Westen her einmarschiert. Aber Besatzungssoldaten waren hier nicht Engländer, sondern Polen. Und in Gildehaus waren als Besatzungssoldaten die Engländer.

Ging man zu Sport und Schwimmbad normal wie immer hin? Ja, eigentlich wie immer. Moment, die Badeanstalt war ja kaputt. Da war eine Bombe reingefallen. Aber Sport war ganz normal. Außer im Süden Bentheims, weil man da im Schwimmbad ja nicht mehr schwimmen gehen konnte. Weil da ja die Bombe reingefallen war.

Und die Straßen? Ja, die waren in Ordnung. Soweit man das Pflaster in Ordnung nennen konnte.

Und Autos? Ja sicher gab es Autos. Aber nicht viele. Hier in der Löwenstraße hatten Aalken und Moddemann eins. Und Niehaus hatten noch Pferd und Wagen. Personenautos hielten sich in Grenzen.

Und wurde die Innenstadt zerstört? Da war fast alles in Ordnung, da war nichts kaputt.

Können Sie zu den Schulen noch was erzählen? Die Schulen waren regelmäßig offen. Es wurde auch Unterricht gegeben. Nur wenn Fliegeralarm war, nicht. Während des Krieges war das für die Schüler hier so ein Problem. Wenn feindliche Bombenflugzeuge hier im Anflug waren, dann war Fliegeralarm. Und dann musste man in den Luftschutzkeller. Und dann konnte kein Unterricht gegeben werden. Dadurch wurde der Unterricht ganz erheblich beeinträchtigt, durch die vielen Fliegeralarme.

Hat sich die Einwohnerzahl verringert? Oder blieb die gleich? Nö, die blieben ja hier. Wir kriegten Flüchtlinge aus dem Osten, die vor den Russen geflüchtet waren. Die kamen hier in den Westen rein, und davon haben wir in Bentheim auch einige gekriegt.

Wie viele Soldaten waren das denn, die hier aus Bentheim weg waren? War das fast die halbe Stadt? Nö, Soldaten wurden ja nur junge wehrpflichtige Männer. Die Alten wurden nicht Soldat. Die Alten waren später beim Volkssturm.

Was ist denn „Volkssturm“? Volkssturm war ein Ersatz für die Wehrmacht. Zum Kriegsende, als man erkannte, der Krieg ist verloren, da war das letzte Aufgebot der Volkssturm. Als die Engländer im Anmarsch waren, da sollte der Volkssturm noch versuchen, alles zu retten. In den Straßen waren überall Panzersperren aufgebaut. In der Gildehauser Straße, Ochtruper Straße – eigentlich an allen Ortseingängen.

Was ist denn so eine Panzersperre? Das waren Steinwälle, die vor die Straßen gebaut wurden, damit feindliche Panzer nicht in die Stadt kommen konnten. Aber eigentlich dummes Zeug. Da wurden Räumpanzer vorgesetzt – und die haben die Wälle dann trotzdem einfach weggeschoben. Die hatten ja eine gewaltige Kraft, diese Panzer.

Und die Arbeit der Menschen hier in Bentheim? Womit verdienten die Leute ihr Geld? Och, das war eigentlich so wie heute. Viele haben bei Deilmann gearbeitet; viele in Nordhorn bei den Textilfabriken.

Aber, wenn jetzt zum Beispiel die, die im Schuhgeschäft gearbeitet haben, in den Krieg mussten, was war mit den Geschäften? Das Geschäft wurde natürlich nicht aufgegeben, aber die Leute fehlten natürlich. Und die Besitzer mussten ohne sie auskommen.

Mussten Sie Bentheim während des Krieges verlassen? Ich war als Soldat in Aachen.

Was war mit Ihrer Familie? Wurde jemand verletzt oder getötet? Ein Freund oder ein Verwandter? Meine beiden besten Freunde sind beide gefallen. Bei mir meine beiden Vettern. Aber insgesamt sind so viele im Krieg umgekommen; das war ganz schrecklich!

Gab es einen Bunker? Ja, ich weiß nicht, ob es den heute noch gibt. In der Funkenstiege, dort beim Löwen-Denkmal runter. Da war auf der linken Seite der Eingang. Da wo heute der Fürstenhof ist. Da war ein Stollen drin, in den Felsen geschlagen. Und wenn Fliegeralarm war, konnte man da rein- und der war bombensicher.

Passten da alle Bentheimer rein? Nee, alle Bentheimer nicht. Viele hatten sich auch im Garten ein Loch gegraben und das mit Schwellen abgestützt. Da ging man dann auch rein, wenn man den Weg nicht schaffen konnte. Hier bei uns unterm Garten, da war auch einer. Unten in der großen Wiese. Da saß man dann drin bei Fliegeralarm. Also, wenn eine Bombe direkt daraufgefallen wäre, dann wär man weg gewesen. Aber es war sicherer als im Haus, denn wenn das dann direkt zusammengefallen wäre und dann hätte man unter dem Schutt gelegen. Das war eine verrückte Zeit, da mag man sich gar nicht gern dran erinnern.

Haben Sie auch noch Fotos aus der Zeit? Das müsste ich nachgucken, aber ich wüsste nicht, wo. Nein, Fotos direkt aus Bentheim nicht. Bilder aus der Kriegszeit machte man nicht. Und in Bentheim ist ganz wenig zerstört gewesen. Wir schauen aber mal nach.

Gab es in Bentheim Kriegsgefangene? Ja, die gab es. Viele oder eher wenige? Die arbeiteten meist bei den Bauern. Das Gefangenlager war im Sieringhoek; da mussten die dann abends wieder zurück. Tagsüber arbeiteten die Gefangenen bei den Bauern. Hier waren viele Serben; einige waren Polen.

Kannten Sie Juden in Bentheim? Ja, hier in der Nachbarschaft gab es eine jüdische Metzgerei. Gossels hießen die. Da liegen heute (Am Berghang) auch drei Stolpersteine davor. Man war mit denen bekannt; aber nicht befreundet. Der Umgang war eigentlich ganz normal. Die sind nachher nach England oder Amerika gegangen.

Können Sie mir ihr schlimmstes Erlebnis aus dem Krieg erzählen? (Lange Pause) Der Krieg ist in jeder Phase schlimm gewesen. In jeder Phase. Und da sterben laufend Menschen. Und wenn man Glück hat – und einen die Kugel nicht trifft, dann hat man Glück gehabt. Das kann man hier allein auf dem Friedhof sehen. Da sind über 50 oder 60 Kriegsgräber. Und das waren Menschen, die alle hier in der Gegend gefallen sind, also gestorben.

Und Sie? Ich fand schlimm, wenn man in den Bunker musste – und dann fielen Bomben. Da kam immer irgendwie Panik auf. Und wenn der Bunker getroffen wurde, dann war das Licht ja auch aus. Gegen Kriegsende wurde es eigentlich immer schlimmer. Also, ich habe diese Bombenangriffe ganz, ganz schlimm in Erinnerung. Vor allen Dingen den letzten, da ging die Bombe vor den Eingang. Und da ist eine Schwester umgekommen, die hat es nicht mehr hinein geschafft. Und wenn man dann aus dem Bunker herauskommt, und alles war kaputt – überall waren Bomben gefallen – alles war verschüttet. Manchmal sah man nur noch ein halbes Haus, zum Beispiel ein Schlafzimmer. Aber ich erzähle jetzt aus Münster, wo ich als Mädchen im Arbeitsdienst bzw. im Kriegshilfsdienst war.Also, für 20 Pfennig am Tag musste man beim Bauern oder in Munitionsfabrik oder im Krankenhaus helfen. Man mag nicht gern an diese Zeit denken – die Männer wurden Soldaten – und die jungen Mädchen bzw. Frauen hatten solche Pflichtjahre zu erfüllen. Ich hatte Glück oder Pech, wie man will. Weil ich keine Schülerin mehr war, kam ich ins Büro zum Luftraumkommando. Nur Münster war unangenehm, weil da unglaublich viel kaputt gegangen war. Laufend Angriffe, das ist mit Bentheim nicht zu vergleichen. Und man hörte ja auch immer die Flugzeuge, wenn die da rüber kamen. Oh, dieses Geräusch vergisst man nicht. Die flogen meist nach Berlin.

Können Sie mir noch etwas von der Zeit als Soldat erzählen? Wie war das so? Was hatten Sie für Aufgaben? Wie wurden Sie eingesetzt? Ich habe das Glück gehabt, dass ich in Belgien eingesetzt war – und nicht in Russland. Da haben wir mit Kämpfen überhaupt nichts zu tun gehabt. Weil Belgien und Frankreich in ganzer kurzer Zeit überrollt wurden – da war schon alles erledigt. Es war dann besetztes Gebiet- und dazu gehörten wir. Wir kamen mit den Belgiern sehr gut aus. Wir waren in Flandern – und wenn man weiß, wie die Flamen reden, dann versteht man das. Das ähnelte nämlich unserm Platt – und damit kamen wir recht gut an.

Mussten Sie nicht schießen? Nein, das war ja vorher erledigt. Da habe ich persönlich Glück gehabt. Da war das in Russland viel, viel schlimmer.

Was war denn in Russland so schlimm? In Russland die einmarschierten Truppen, die stießen auf erheblichen Widerstand. Da wurde geschossen – und zurückgeschossen. Da sind eine Menge, eine Menge Menschen umgekommen. Während dort im Westen, wo ich war, da hat es nicht so viele Tote gegeben.

Was war denn in der Kriegszeit so Ihr größter Wunsch? Und nach der Kriegszeit? Dass der Krieg bald zu Ende ging. Nichts anderes. Nur das.

Und vor der Kriegszeit? Da war ich ja noch Kind, da ging es mir verhältnismäßig gut. (Gegenfrage:) Was ist denn dein größter Wunsch als Kind? Hm, stimmt. Ganz schön schwer! Vielleicht dass es keinen Krieg mehr geben wird!

Können Sie zum Schluss einfach noch mal von Bentheim erzählen? Bentheim hatte 4000 Einwohner. Das war schon eine Zeit, da kannte jeder jeden. Es wurde ja nicht einfach irgendwo neugebaut. Da wo man war, da blieb man. Die Kinder bauten im Garten – oder übernahmen das Haus. Da wusste man, wo die Familien herkamen. Und wenn ich jetzt durch die Löwenstraße gehe, dann kenne ich keinen mehr. Das ist schon schade. Einmal ist hier ein Flugzeug abgestürzt. Auf Metelerkamps Hof. Wir hatten mal Holz geholt mit dem Pferdefuhrwerk. Da kam ein Riesenbomber über den Berg, der war sehr wahrscheinlich angeschossen. Ganz niedrig über den Sieringhoek. Das war eine komische Zeit- man lebte immer mit der Angst. Wenn man das so bedenkt, zwei Söhne von Brinkmann gefallen, zwei von Nössinks, für nichts und wieder nichts.

Was war denn mit dem Flieger? In welchem Jahr war das? Oh, das war glaub ich 1943.

Ist der dann explodiert- oder nur bruchgelandet? Nee, explodiert. Aber der ist neben dem Wohnhaus runtergekommen. Auf dem Acker, den Menschen ist nichts passiert. In Salzbergen da standen viele Fliegerabwehrkanonen, die schossen bis nach Gildehaus rüber. Wir konnten die Kanonenkugel in der Luft erkennen, wenn die platzten. Die haben von Salzbergen geschossen – und wir konnten die Kugeln fliegen sehen. Und wenn die einen Flieger trafen – dann stürzte er ab. Bestimmt haben die auch das Flugzeug getroffen, was hier explodiert ist. Und jetzt fällt mir noch eine Geschichte ein: Wir kamen aus dem Kino und waren auf dem Rückweg. Bernd Kokkelink und ich. Der hatte Urlaub und war noch Soldat. Ich nicht mehr. Wir sind zu Fuß bis nach Gildehaus gegangen. Unterwegs überholten wir jemand. Das war ein abgeschossener Engländer. Wir haben ihn angehalten. Der kam aus Braunschweig – er war dort abgeschossen worden und mit dem Fallschirm abgesprungen. Und hatte sich zu Fuß bis nach Bentheim durchgeschlagen. Und dann lief er uns hier in die Arme. Wir haben ihn dann zur Gendarmerie nach Gildehaus gebracht. Das war unser einziger Gefangener, den wir geschnappt hatten. Der wollte nach Holland, dann hätte er es geschafft. Hier in Deutschland war er ja irgendwie noch ein Feind. Wir mussten ihn melden. Denn hätte jemand gesehen, dass wir das nicht tun – wäre das herausgekommen – dann hätten wir ganz gewaltigen Ärger bekommen. Davor hatten wir zu viel Angst. Irgendwie hat es uns auch leid getan. Denn das war bestimmt ein netter Kerl. Wir haben dann bei der deutschen Luftwaffe in Rheine angerufen – denn da wurde er bestimmt gut behandelt. Dann kam ein Jeep aus Rheine – und dann ist der dort in Gefangenschaft gekommen. Aber unter den Fliegern – da hatte er es bestimmt gut. Das muss 1944 gewesen sein. Kurz vor Ende des Krieges.

Wie wurde man denn so in Gefangenschaft behandelt? Also in amerikanischer Gefangenschaft – da ging es einem schon recht gut. Die deutschen Gefangenen in Amerika hatten genug zu essen. Die in England hatten es auch gut.

Wieso wollte der Flieger denn nach Holland? Wenn er in Holland gewesen wäre, dann hätte ihm ja keiner mehr was getan. Wieso? Ja, die Holländer hatten ja keinen Krieg mehr. Die waren schon überrollt. Da wurde nicht mehr gekämpft. Nur noch gegen Russland – und das haben wir verloren.

Ach so, dann hat sozusagen Russland den Krieg gewonnen? Ja, das kann man so sagen.

Vielen Dank für das Interview.

Zeitzeugenbefragung von Kathleen Karkossa, Klasse 5a (2008/2009)

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2 Responses to “Die letzten Kriegsjahre in Bad Bentheim”


  1. 1 Minne 26. Januar 2009 um 9:02 pm

    Hey, Kathleen!

    Ich finde deine Befragung echt toll! So lange Antworten verdi8enen Respekt 🙂

  2. 2 Faustus Eberle Frankurt Main 9. April 2011 um 3:39 pm

    I have figured out some essential things through your blog post. One other thing I would like to state is that there are several games out there designed specially for toddler age kids. They include pattern recognition, colors, dogs, and patterns. These generally focus on familiarization instead of memorization. This makes a child engaged without having a sensation like they are studying. Thanks


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